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Mit 90
Jahren unter die Schriftsteller gegangen
Der
Krainhäger Hermann Bellenberg legt lyrische Erinnerungen
an das Schaumburger Land vor
KRAINHAGEN.
Es ist nie zu spät, auch im höheren Lebensalter noch
geistig produktiv zu sein und zum Beispiel ein Buch
herauszubringen. Diese Botschaft vermittelt der
ehemalige Krainhäger Schusterlehrling Hermann Bellenberg,
der im stolzen Alter von 90 Jahren seinen ersten
Gedichtband veröffentlichte: "Vom Hering und dem
Schusterlehrling", der in dem Verlag "Copy-us" in Kleve
erschienen ist. Dieses Werk liegt jetzt dem Krainhäger
Arbeitskreis für Dorfgeschichte und Heimatkunde vor, dem
der Autor als Ehrenmitglied angehört. Sibylle Kött, die
Vorsitzende des Arbeitskreises, bekam als Dank und zur
Erinnerung an seine Krainhäger Zeit eines der ersten
Exemplare des Gedichtbandes.
In seinen auf
124 Seiten veröffentlichten Gedichten, die zur heiteren
inneren Einkehr, zum Schmunzeln, aber auch zum
Nachdenken anregen, geht der Autor keineswegs schonend
mit sich um. An einer Stelle heißt es zum Beispiel ganz
sarkastisch: "Und während du wünschtest, der Typ sei dir
fremd, erblickst du mit Schrecken: Er trägt ja dein
Hemd!"
Eigentlich ist
es erstaunlich, dass erst jetzt das erste Buch des
Mannes erscheint, der 1913 in Bückeburg das Licht der
Welt erblickte, später viele Jahre in Krainhagen
verbrachte und heute in einem Ort am Niederrhein in der
Nähe von Kleve lebt. Schließlich gehört das Schreiben
neben dem Lesen schon seit Jahrzehnten zu seinen
Lieblingsbeschäftigungen. Zunächst vertraute er seine
Erinnerungen, seine Gedanken und Gefühle einem Tagebuch
an. Später entstanden daraus Gedichte. Das
Bemerkenswerte daran ist, dass Hermann Bellenberg mit
zunehmendem Alter immer kreativer wurde. Das ist doch
eine gute Nachricht an alle, die mit Schrecken an das
Älterwerden denken.
In seinem
zweiteiligen Band befasst sich der Autor mit seiner
Kindheit und Jugend im Schaumburger Land sowie mit
mehreren Urlaubsreisen. Der Buchtitel hat einen auf den
ersten Blick nicht erkennbaren Bezug zum eigenen Leben.
Hermann Bellenberg ging nämlich bei einem Schuhmacher in
Krainhagen in die Lehre. Aber die Seefahrt gehörte immer
zu seinen Jugendträumen.
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Letztlich war
er jedoch froh, dass er überwiegend festen Boden unter
seinen Füßen hatte. Schon bei der ersten Seefahrt sei
ihm nämlich "das Herz in die Hose gefallen", ließ er in
späteren Lebensjahren verlauten. Der einstige Schuster
und Gerber hatte es auch ohne die schwankenden Planken
zu etwas gebracht. Er arbeitete viele Jahre bei einem
bekannten Klever Schuhproduzenten und wirkte nach seiner
Pensionierung sogar am Aufbau von Schuhfabriken in
Jugoslawien und Ungarn mit.
Dazwischen lag
die schlimmer Zeit des zweiten Weltkrieges. Hermann
Bellenberg wurde dreimal verwundet. Einmal hatten ihn
sogar fünf Schüsse niedergestreckt. Aber auch sie
schafften es nicht, sein Leben und seinen Glauben an das
Gute im Menschen auszulöschen. Zu den bitteren
Erfahrungen dieser Zeit gehörte, dass sein Bruder 1941
wegen "konspirativer Tätigkeit" erschossen wurde.
Bellenberg
sieht das Glück des Lebens in der Selbstbescheidung,
nicht gleich die ganze Welt verändern zu wollen. Dazu
gehöre die Kunst, sich mit dem abzufinden, was man
ohnehin nicht ändern kann. Noch immer regt der Anblick
einer schönen Frau oder der Genuss eines guten Glases
Wein die Reimkunst des inzwischen 91-jährigen an.
Aber auch die
Erinnerungen an die alte Heimat sind noch längst nicht
versiegt. In einem seiner Gedichte fordert er sich
selbst auf: "Fahr doch mal hin - ins Land der Jugend!"
Weiter heißt es da: "Wo zwischen Stiftswald und
Krainhagen die Beeke rauschte voller Kraft, muss man in
diesem Sommer fragen, ob sie wohl noch ein Lispeln
schafft?"
Den zweiten
Teil seines Gedichtbandes widmete Hermann Bellenberg
seiner neuen Heimat im Klever Land, dem Ort Materborn.
Dort schreibt er weiterhin, was ihm in den Sinn kommt,
sammelt Briefmarken, pflegt gesellige Runden und
genießt, wenn es die Zeit zuläßt, die wohlverdiente
Ruhe.
Das Buch ist ab sofort zum Preis von 14,95 Euro bei der
Buchhandlung Scheck in Bückeburg zu erhalten.
SIEGFRIED KLEIN
Schaumburger Zeitung
01.04.2004
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