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Auszüge aus Rezensionen zu: Andreas Daams (Hrsg.), Scheitern


Scheitern kann so schön sein

Die letzten werden die ersten sein? Manchmal schon. Jüngstes Beispiel: Christian Wulff, CDU-Ministerpräsident von Niedersachsen, war mal ein Sitzenbleiber. Erst im zweiten Anlauf, bekannte er kürzlich, habe er die zehnte Klasse geschafft. "Viel hängt dabei von den Reaktionen der Eltern, der Lehrer und des Umfeldes ab", sagte er. Nämlich, "ob es eine Kultur des Scheiterns gibt."


Hört, hört: Ein Sieger mahnt einen gelassenen Umgang mit Verlierern an. Das versteht sich nicht von selbst in einer Zeit, da alle Welt auf Stars und Superstars starrt. Da die kriselnde Gesellschaft dringender denn je der Bestleistungen bedarf. Gehören da nicht erst recht die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen?
 

Im Gegenteil: In turbulenten Zeiten fangen alle an zu stolpern. Scheitern gehört dazu. Je mehr das Leben durch Eigenleistungen organisiert werden muss, desto häufiger kann es schief gehen. Wo mehr gehobelt wird, fallen mehr Späne an. Und wo immer mehr zusammenhängt, ist jeder mehr vom Misslingen anderer betroffen.

Prosit der Perspektivlosigkeit


So weit die sozialen Naturgesetze. Was demnach zum verbreiteten Schicksal wird, könnte konstruktiv und heiter aufgefangen werden. "Haben wir eigentlich eine Chance?", lässt das Unternehmen Rotkäppchen-Mumm einen smarten Herrn auf einer Party fragen. "Eigentlich nicht", schmunzelt sein Gegenüber, ohne dass das Prickeln versiegt. Ein Prosit der Perspektivlosigkeit.

Als so schick gilt Scheitern im richtigen Leben noch nicht. Viele wollen sich indes nicht mehr blenden lassen vom Glanz des Siegerlächelns. Aufrechte Versager und Weiterdenkende tüfteln an einer neuen Lehre. "Ich bin aus dem Gescheiterten immer gescheiter herausgekommen", schrieb der 90-jährige Hermann Bellenberg für einem Literaturwettbewerb.

Wer auf die Nase gefallen ist, dem eröffnen sich neue Blickwinkel. Manche haben längst aus der Not eine Tugend gemacht. Etwa die Gruppe der"Glücklichen Arbeitslosen". Man kann auch gut ohne, leben sie den Arbeitstieren vor, mit Freunden und ein paar Beschäftigungen. Seit sie so bekannt seien, schreibt ihr Cheftheoretiker Guillaume Paoli, habe man ihnen schon viele Jobs angeboten. Versagen kann, bei geeignetem Marketing, sexy sein.
 

 

 

Netzwerke und Nachbarschaft

Eine ähnliche Einsicht versucht auch der Soziologe Wolfgang Engler unters Volk zu bringen. Seine Diagnose: Gerade in Ostdeutschland wird es nie mehr Arbeit für alle geben; darauf muss man sich einrichten. Sein oft belächelter Therapievorschlag: Netzwerke, Nachbarschaft und Datsche. Die Fähigkeiten, die im real existierenden Misslingen erlernt wurden, machen die Ostdeutschen jetzt zur "Avantgarde", schreibt er.

 

Doch die Verhältnisse, sie sind noch nicht ganz so: Mehr denn je regiert im Arbeitsleben die Versagensangst. Wer fürchten muss, gefeuert zu werden, kann sich Fehler kaum erlauben. Mit riesigem Aufwand wird vertuscht und geglättet. Hier scheinen bekennende Versager allemal effizienter.

 

Diesseits der Besserverlierenden vom Schlage des hoch dotierten Ex-Mannesmann-Vorstands Klaus Esser wird also weiterhin eine "Kultur des Scheiterns" gesucht. Rettung gibt's in der Küche: Wem die kleinen Brötchen des Verlierers nicht schmecken, kann ein süßes Gericht namens "Scheiterhaufen" probieren. Vorgestellt in einer Anthologie namens "Scheitern" (Herausgeber: Andreas Daams), besteht es unter anderem aus sechs Semmeln und sechs Äpfeln. "Guten Appetit" - oder: "Schönes Scheitern!"

BERND SCHÜLER

Märkische Allgemeine

08.03.2003

 

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