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Scheitern kann so schön sein
Die letzten werden die ersten sein? Manchmal schon.
Jüngstes Beispiel: Christian Wulff,
CDU-Ministerpräsident von Niedersachsen, war mal ein
Sitzenbleiber. Erst im zweiten Anlauf, bekannte er
kürzlich, habe er die zehnte Klasse geschafft. "Viel
hängt dabei von den Reaktionen der Eltern, der Lehrer
und des Umfeldes ab", sagte er. Nämlich, "ob es eine
Kultur des Scheiterns gibt."
Hört, hört: Ein Sieger mahnt einen gelassenen Umgang mit
Verlierern an. Das versteht sich nicht von selbst in
einer Zeit, da alle Welt auf Stars und Superstars
starrt. Da die kriselnde Gesellschaft dringender denn je
der Bestleistungen bedarf. Gehören da nicht erst recht
die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen?
Im Gegenteil: In turbulenten Zeiten fangen alle an zu
stolpern. Scheitern gehört dazu. Je mehr das Leben durch
Eigenleistungen organisiert werden muss, desto häufiger
kann es schief gehen. Wo mehr gehobelt wird, fallen mehr
Späne an. Und wo immer mehr zusammenhängt, ist jeder
mehr vom Misslingen anderer betroffen.
Prosit der Perspektivlosigkeit
So weit die sozialen Naturgesetze. Was demnach zum
verbreiteten Schicksal wird, könnte konstruktiv und
heiter aufgefangen werden. "Haben wir eigentlich eine
Chance?", lässt das Unternehmen Rotkäppchen-Mumm einen
smarten Herrn auf einer Party fragen. "Eigentlich
nicht", schmunzelt sein Gegenüber, ohne dass das
Prickeln versiegt. Ein Prosit der Perspektivlosigkeit.
Als so schick gilt Scheitern im richtigen Leben noch
nicht. Viele wollen sich indes nicht mehr blenden lassen
vom Glanz des Siegerlächelns. Aufrechte Versager und
Weiterdenkende tüfteln an einer neuen Lehre. "Ich bin
aus dem Gescheiterten immer gescheiter herausgekommen",
schrieb der 90-jährige Hermann Bellenberg für einem
Literaturwettbewerb.
Wer auf die Nase gefallen ist, dem eröffnen sich neue
Blickwinkel. Manche haben längst aus der Not eine Tugend
gemacht. Etwa die Gruppe der"Glücklichen Arbeitslosen".
Man kann auch gut ohne, leben sie den Arbeitstieren vor,
mit Freunden und ein paar Beschäftigungen. Seit sie so
bekannt seien, schreibt ihr Cheftheoretiker Guillaume
Paoli, habe man ihnen schon viele Jobs angeboten.
Versagen kann, bei geeignetem Marketing, sexy sein.
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Netzwerke
und Nachbarschaft
Eine ähnliche Einsicht versucht auch der Soziologe
Wolfgang Engler unters Volk zu bringen. Seine Diagnose:
Gerade in Ostdeutschland wird es nie mehr Arbeit für
alle geben; darauf muss man sich einrichten. Sein oft
belächelter Therapievorschlag: Netzwerke, Nachbarschaft
und Datsche. Die Fähigkeiten, die im real existierenden
Misslingen erlernt wurden, machen die Ostdeutschen jetzt
zur "Avantgarde", schreibt er.
Doch die
Verhältnisse, sie sind noch nicht ganz so: Mehr denn je
regiert im Arbeitsleben die Versagensangst. Wer fürchten
muss, gefeuert zu werden, kann sich Fehler kaum
erlauben. Mit riesigem Aufwand wird vertuscht und
geglättet. Hier scheinen bekennende Versager allemal
effizienter.
Diesseits der
Besserverlierenden vom Schlage des hoch dotierten
Ex-Mannesmann-Vorstands Klaus Esser wird also weiterhin
eine "Kultur des Scheiterns" gesucht. Rettung gibt's in
der Küche: Wem die kleinen Brötchen des Verlierers nicht
schmecken, kann ein süßes Gericht namens
"Scheiterhaufen" probieren. Vorgestellt in einer
Anthologie namens "Scheitern" (Herausgeber: Andreas
Daams), besteht es unter anderem aus sechs Semmeln und
sechs Äpfeln. "Guten Appetit" - oder: "Schönes
Scheitern!"
BERND SCHÜLER
Märkische Allgemeine
08.03.2003
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