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Gewinner
haben nichts erzählen
Klever edition anderswo bringt eine Anthologie
für die Gescheiterten heraus
KLEVE. Bei vielen Wettbewerben - sei es im Sport oder
anderswo - gilt die Regel: Der zweite Gewinner ist schon
der erste Verlierer. Gewinner sind gefragt, denn man
schmückt sich mit ihrem Ansehen. Gewinner bekommen
Sponsoren, "Verlierer" verschwinden in der Versenkung.
Dass es auch anders geht, hat soeben der Klever
Buchverlag "edition anderswo" gezeigt, der einen
Wettbewerb unter den Titel "scheitern 2002" ins Leben
rief.
Knapp 100 "Gescheiterte" reagierten auf den Aufruf, die
Geschichte ihres persönlichen Scheitern öffentlich zu
machen. In einer Anthologie, die in dieser Woche
erscheinen ist, werden die "besten" Beiträge
vorgestellt. "Natürlich liegt über einem Projekt wie
unserem der Hauch des Zynismus", erklärt Verleger und
Herausgeber Andreas Daams. "Andererseits aber haben wir
festgestellt, dass es für die Leute, die am Wettbewerb
teilgenommen haben, ein echtes Bedürfnis war, ihre
Geschichten zu erzählen."
Als der Wettbewerb Anfang des Jahres ausgeschrieben
wurde, war nicht nur das Medien-Echo riesig. Quer durch
die Republik und auch im Ausland wurde berichtet - das
Internet tat ein Übriges. Und so kam es, dass bei
kleinen Klever Verlag auch jede Menge Einsendungen aus
Österreich eintrafen. "Fast die Hälfte der rund
einhundert Beiträge kamen aus Österreich", erklärt
Andreas Daams.
Die einzelnen Beiträge waren höchst unterschiedlich.
Manche Autoren gingen das Scheitern in Gedichtform an -
andere schrieben Geschichten. "Manches war mit viel
Humor geschrieben, andere Geschichten waren absolut
tragisch", erinnert sich der Verleger. Nach
verstrichenem Einsendeschluss ging es dann an die
"Bewertung" der Beiträge, "denn wir konnten natürlich
nicht alles veröffentlichen", erklärte Daams anlässlich
der Buchvorstellung in Kleve.
Immerhin scheint aber auch das Scheitern am Ende die
Medien zu beschäftigen. Am kommenden Montag wird im
ARD-Magazin Polylux ein Beitrag ausgestrahlt.
Und so hofft die "edition anderswo", dass der "Ruf der
Gescheiterten" nicht ohne Echo verhallen wird.
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Fest steht:
gescheitert wird für jeden Geschmack. Die Bandbreite der
Beiträge reicht von absurd über komisch bis hin zum
Desaströsen. Und für den eifrigen Leser wird am Ende gar
noch ein Kochrezept bereit gehalten. Zubereitet wird -
wie sollte es anders sein ein "Scheiterhaufen" -
hierzulande eher unter der Bezeichnung "Armer Ritter"
bekannt.
Anlässlich der Buchvorstellung gab es auch ein bißchen
Statistik in Sachen Scheitern. Insgesamt beteiligten
sich 97 Autoren am Wettbewerb. "49 Männer und 48 Frauen
haben teilgenommen", beschreibt Daams die
"Ausgewogenheit des Scheiterns".
Die Themen
reichen vom Scheitern einer Beziehung bis hin zum Ruin
der eigenen Existenz.
Ältester Teilnehmer des Wettbewerbs war übrigens ein
90jähriger Klever: Hermann Bellenberg ist mit zwei
Gedichten vertreten und erschien auch zur
Pressekonferenz anlässlich der Buchvorstellung.
Wichtig ist
für Bellenberg, dass man das eigene Scheitern nicht
unbedingt als Frustration sehen muss. "Schließlich kann
man vom Scheitern auch gescheit werden." Und so geht der
Klever das eigene Scheitern mit der nötigen Portion
Humor an. "Schreiben war für mich immer ein Stück
Befreiung. Und schließlich unterscheidet uns die Sprache
von den Tieren. Das muss man ausnützen."
"Allerdings",
so Andreas Daams, "hatten wir auch Beiträge dabei, die
einem wirklich das ganze Ausmaß der möglichen Tragik vor
Augen führen. Da war das Lesen nicht immer leicht."
Und
schließlich sind bei 97 eingesendeten Beiträgen und 27
veröffentlichten auch hier noch Autoren gescheitert.
Trotzdem steht für die Verleger Andreas Daams und Heiner
Frost fest: "Verlierer haben mehr zu erzählen als
Gewinner."
FRANZ NEIGE
Niederrhein Nachrichten (NN)
06.10.2002
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