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Auszüge aus Rezensionen zu: Andreas Daams (Hrsg.), Scheitern


Schöner Scheiter-Haufen

"Scheitern": Das Ergebnis eines Wettbewerbs; ein Forum für Verlierer - neues Buch von Frost und Daams
 

Das Leben ist gemein. Sowas von gemein. Die Gemeinheit lauert hinter jeder Ecke. Springt einen an. Wirft sich in den Weg, so dass man darüber stolpert. Und natürlich bricht man sich dabei nicht nur einen sondern gleich beide Arme und die Nase dazu. Sie krallt sich fest, die Gemeinheit des Lebens - und lässt nie wieder los. Und wenn sie dann erzählen, die Menschen, wie fies und gemein das Leben zu ihnen ist - dann langweilen sich die Zuhörer. Oder, noch gemeiner: Sie lachen! Andreas Daams und Heiner Frost, Autoren aus Kleve, haben zugehört und sich ganz und gar nicht gelangweilt und auch nicht gelacht. Ganz bestimmt nicht. Die beiden haben die Menschen in Deutschland und Österreich aufgefordert, ihnen zu schreiben, wie gemein das Leben zu ihnen war. Weil Sieger nichts und Verlierer viel zu erzählen haben. "Scheitern 2002" nannte sich das, war ein Wettbewerb, und wer am allerschönsten gescheitert ist, dessen Beitrag wurde in einem Buch veröffentlicht. Das ist nun erschienen. "Scheitern. Anthologie zum Wettbewerb" heißt es und vereint 27 Beiträge und ein Rezept zu einem großartigen Scheiter-Haufen.

 

Menschen können an vielem scheitern. An sich. An anderen. In Beruf, Beziehung, Befinden, hinter einander oder an allem gleichzeitig. Zum Beispiel dieser Dichter aus Wien. Helmut Seethaler. Der scheitert daran, dass Inspiration und Institutionen nicht immer kompatibel sind. Helmut Seethaler dichtet, auf Zetteln. Diese Zettel hängt er in Wien hierhin und dorthin und manchmal pflückt einer im Vorübergehen einen Zettel ab und schickt dem Dichter Geld. Doch , ob sie hier oder dort hängen, die Zettelgedichte - sie scheinen immer zu stören. Dann werden sie "amtlich entfernt". Also: weggeworfen. Wenn der Dichter sein Werk dann aus der Mülltonne rettet, wird das amtlicherseits als "Verschmutzung laut Reinhalteverordnung" gewertet. 1450 Anzeigen hat Seethaler deswegen schon bekommen, Geld hat er keines mehr, dafür aber Schulden und wenn der "Exekutor", der Schuldeneintreiber, kommt, findet er nur 10 000 Gedichte - die nicht aufgehängt werden dürfen. Tragisch ist das, aber auch irgendwie komisch.

 

Gar nicht tragisch und komisch sondern einfach traurig sind andere Geschichten. Von einem Mann, der eine Existenz aufbauen wollte und es nun nicht einmal schafft, seine Schulden abzubauen. "Am Ende" heißt sein Text und am Ende vom Ende schreibt er, dass er "Am Ende" gerne mit der Schreibmaschine oder am PC geschrieben hätte, "leider habe ich von dem alle nichts mehr." Geschichten von Schriftstellern stehen in dem Buch, die nicht veröffentlichen dürfen, die, falls sie veröffentlichen, nicht gelesen werden, und zu deren Lesungen niemand kommt.

 

"Ich bin verheiratet, nicht glücklich, aber auch nicht unglücklich. Einfach nur verheiratet. So, wie wenn man einen Schnupfen hat. Er hindert einen nicht sonderlich, aber er erfreut einen auch nicht, er ist einfach da." Schreibt Petra Steckelmann, denn, ja, wenn es um Scheitern geht, geht es immer auch um Beziehungen. Oder Nicht-Beziehungen. Um Frauen, die wollen, Männer die nicht wollen. Oder nicht können. Wie Peter Fischl. Er hat als Kind immer in einem Bett mit seiner Uroma schlafen müssen. Das hat Folgen...

Natürlich kommt in dem Buch auch ein gescheiterter Klever vor. Hermann Bellenberg. Der 90 Jahre alt und in den 90 Jahren immer mal wieder an den Frauen gescheitert ist. Der deswegen mal blaue Veilchen, mal schlechte Träume bekommen hat, der aber "aus dem Gescheiterten immer gescheiter herausgekommen" ist.

Sie scheitern in Gedichten, in Geschichten - und in Chronologien. Wie Jürgen Große. Er ist am allerschönsten gescheitert, auch wenn niemand so recht weiß, woran. Jürgen Große aus Berlin hat ein "Jahrbuch des Scheiterns" geschrieben. Ist allerdings an der vollen Distanz gescheitert, so dass das Jahrbuch ein Halbjahrbuch wurde. Jeden Tag ein Satz. Beispiel: "11. Oktober. Was am meisten fehlt, ist ein Unglück, das in Form bringt. Das heißt, eine Form hat man ja, aber sie ist jeden Tag mit anderem Unglück zu füllen." Jürgen Große hat den Wettbewerb gewonnen. Als Preis bekommt er einen Kinogutschein. Und ein Buch. Thomas Bernhard: "Auslöschung". Das baut auf.

 

97 Autoren haben insgesamt geschrieben. 27 wurden abgedruckt. Den andern mussten Andreas Daams und Heiner Frost schreiben, dass sie leider selbst im Scheitern gescheitert sind. Gemein.
 

"Scheitern. Anthologie zum Wettbewerb", Hrsg. Andreas Daams, erscheint in der edition anderswo, ist im Buchhandel oder unter www.edition-anderswo.de erhältlich.

ANJA HASENJÜRGEN

Neue Rhein Zeitung (NRZ)

03.10.2002

 

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