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Auszüge aus Rezensionen zu: Hermann Bellenberg, Schaukelpferd tut dir nichts


"Ich schreibe und rede zu viel"
 

KLEVE. "Ich habe früher geglaubt, ein Orden sei mehr wert als eine Liebesnacht." Hermann Bellenberg ist 92 Jahre alt. Er hat die Kaiserzeit miterlebt, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg auch.

Als er am 22. April 1945 zum dritten Mal verwundet wird, landet er im Lazarett. "Draußen tanzten und musizierten die Engländer schon, weil sie gewonnen hatten. Ich erhielt währenddessen das Silberne Verwundetenabzeichen - und habe mich auch noch darüber gefreut." Bellenberg sitzt im Haus seines Sohnes in Materborn, als er das erzählt. Er stellt der Presse sein soeben erschienenes Buch vor. "Wäre ich fünf Mal verwundet worden, hätte ich sogar das Goldene bekommen. Aber dafür war der Krieg dann doch nicht lang genug." Wer sein schelmisches Grinsen sieht, weiß, dass er ohne Ironie nicht auskommt.

Hermann Bellenberg macht sich über alles lustig. Am meisten über sich selbst; an den Verlag ist er geraten, indem er an einem Schreibwettbewerb zum Thema "Scheitern" teilgenommen hat. "Schaukelpferd tut dir nichts" ist der Titel seines Buches. Untertitel: "Von Kindheit bis zum Greisenalter. Kurzgeschichten aus einem bewusst erlebten Leben." Bewusst erlebt hat er sein Leben deshalb, weil er seit seinem zwölften Lebensjahr Tagebuch schreibt. "Das hat mir Kraft gegeben, wenn mir im Krieg der Tod im Nacken saß", erzählt er. Sämtliche Tagebücher sind auf dem Wohnzimmertisch vor ihm ausgebreitet. In kleiner, altdeutscher Schrift von vorne bis hinten voll geschrieben. Das Hakenkreuz, das sich auf einem der Hefte befindet, kratzt er ab, als er Kriegsgefangenschaft gerät.

 

"Ich habe die Schule nicht nur besucht, sondern sogar absolviert", sagt er. "Das hört sich besser an." Hermann Bellenbergs Mutter stirbt früh, der Vater hat kaum Zeit. Er schenkt ihm und seinem älteren Bruder ein Schaukelpferd. Der dreijährige Hermann hat schreckliche Angst davor. Der Bruder beruhigt: "Schaukelpferd tut dir nichts." Dieser Satz zog sich durch ihrer beider Leben. "Wenn mein Bruder mir Briefe an die Front schrieb, malte er ein Schaukelpferd ans Briefende." So kam der Titel des Buches zustande. "Wer meine Kurzgeschichten liest, ist selber schuld", lacht er. Er habe nämlich mitunter sehr skurrile Ansichten über Gott und die Welt. Er meint, er werde bei manchen Leuten anecken. Anecken. Womit? "Sehen Sie, ich bin hier am Niederrhein, und in meinem Buch findet sich kein einziges Ave Maria."

Hermann Bellenberg beeindruckt mit seiner Scharfzüngigkeit - und nicht zuletzt mit seiner Rüstigkeit. Seine Verdauung sei in Ordnung, schlafen könne er auch, die Ärzte suchten bei ihm vergebens. "Und heute Abend schreibe ich in mein Tagebuch, dass Journalisten hier waren und von meinem Buch berichten werden."




KATJA SCHÖNHERR

Rheinische Post

06.12.2005

 

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